Utopie

 

Stiftungen: Mit Utopien zentrale Stellhebel bedienen

18. November 2023

 


Die Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, sind überwältigend. Gleichzeitig wächst der Eindruck, dass sich Politik und direkte Demokratie mit Lösungen schwertun. Die Beteiligung am demokratischen Prozess nimmt ab, die Polarisierung nimmt zu. Es scheint, als wären wir nur noch in ausserordentlichen, uns aufgezwungenen Lagen, zu Bahnbrechendem fähig. Das reicht nicht: Wir müssen grosse, gesellschaftliche Ideen testen, damit wir uns die Chance aufs Bessere nicht verbauen. Beim Testen von konkreten Utopien spielen auch Stiftungen eine zentrale Rolle.


 

Beim Nachdenken über Demokratie und Gesellschaft stellen wir fest: Es geht kaum mehr voran. Europa, Renten oder Klima sind nur drei Stichworte. Der Politik und den Gewählten fehlt es meist an Mut und Weitsicht. Parteien trauen sich nicht, auszuscheren. Sie bewegen sich auf vertrautem Terrain und sind beim Wahlvolk gleichzeitig gesichtslos in wesentlichen Fragen, auf die wir Antworten haben müssen. Der Glaube, dass uns die Politik die wichtigen «Möglichkeitsfenster» öffnet, muss infrage gestellt werden. Die zentralen Impulse für nachhaltigen Wandel werden von anderswo herkommen.

 

Daron Acemoglu und Simon Johnson haben in ihrem aktuellen Werk Macht und Fortschritt eine zentrale Forderung aufgestellt:

 

«(...) Und längst ist bekannt, dass wir nicht auf Technologie und Verhalten setzen können, vielmehr brauchen wir eine grundlegend kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung, damit wir zukunftsfähig werden.»

 

INSEAD-Professor Marc Le Menestrel meint in The Wise Power of Utopian Thinking: «Die Vorstellung einer idealen Welt ist ein wirkungsvolles Instrument zur Steigerung der Proaktivität und zur Förderung des organisatorischen Wandels.» Damit sind wir bei der Utopie als wirkmächtigem Werkzeug angelangt, die ein Vakuum füllen kann.

 

Pioniergeist beflügeln

Pinonier*innen beweisen, dass das unmöglich Scheinende immer wieder Ausgangspunkt des Besseren war. Heute ist dieser Geist der konstruktiven Offenheit und des Möglichkeitsdenkens, der sich am Zukunftsfähigen ausrichtet, kraftvoller und wichtiger denn je. Dabei kommt Stiftungen eine zentrale Rolle zu. Nach dem 22. Stiftungssymposium 2023 war denn auch zu lesen, dass Stiftungen höhere Risiken als profitorientierte Unternehmen verfolgen können. Daher brauche die «Philanthropie mutige Stimmen, die Tabus ansprechen und innovative Ideen fördern». Darum geht es. Weder kurzfristige Maximierung noch Legislaturperioden schränken den Möglichkeitsraum ein. In dieser «Unabhängigkeit» und gleichzeitigen Expertise liegt die Chance, die eigene Verantwortung zu beleuchten.

 

Pionier*innen wissen auch: Der Kanon der Zwänge und der Alternativlosigkeit begegnet den Veränderungswilligen mit aller Kraft. «Wir wollen zugeben, dass den Leuten der kopflosen Flucht nach vorn die beliebtesten und verbreitetsten Melodien zur Verfügung stehen», so hatte es Ernst F. Schumacher 1973 in «Small is beautiful» formuliert. Das laute TINA-Stakkato «there is no alternative» übertönt noch regelmässig das Denken in Möglichkeiten. Doch diese Haltung können wir uns nicht mehr leisten, wenn wir nachweislich zukunftsfähig agieren wollen.

 

Das Wünschbare als Ausgangspunkt

Eine kulturelle und gesellschaftliche Neudefinition ist schwierig, herausfordernd und der Weg hat einen offenen Ausgang. Genauso utopisch ist aber der Glaube, dass wir es mit dem Status quo irgendwie hinbekommen. Wenn wir beteuern, dass wir Teil der Lösung sein wollen, dann geht das nicht über Themen wie Effizienz oder mehr vom Gleichen, einfach anders. Teil der Lösung sein verlangt, dass wir auf einer Metaebene Folgendes als gemeinsamen Ausgangspunkt bedenken.

  • Dass wir Antworten auf die Frage finden, was «gemeinsame Bezugspunkte des Wertvollen werden könnten...», wie das beispielsweise Andreas Reckwitz  formuliert hat.
  • Und dass wir uns hin zu einer Sowohl-/als auch-Mentalität anstelle einer Entweder-/oder-Mentalität entwickeln.

 

Wir machen uns so das Faktische und das Wünschbare im utopischen Denken bewusst. Die Utopie fungiert als Projektionsraum, der Gemeinsamkeiten aufzeigt, um sich auf halbem Weg begegnen zu können. Wir verringern den Abstand zwischen Realität und Traum im «Zwischen-Raum» als Grundlage für einen nachhaltigen Realismus. Hier lancieren wir wichtige Gesellschaftsprojekte mit Impact. Utopisches Denken fusst damit mehr in einem Mindset und auf Empathiefähigkeit, als dass wir schöne Bilder der Zukunft malen und zur Tagesordnung übergehen.

 

Chancen des Unbekannten erschliessen

Es ist durchaus plausibel, dass die notwendigen Schritte für echten Wandel nur über Erfolgsgeschichten aus grossen Experimenten und ihrer Wirkung möglich werden. Experimente, die aus der Zivilgesellschaft und nicht aus der Politik erwachsen. Nur so entwickeln wir selbstverantwortlich eine neue Form des Realismus. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit in ihrer Vielschichtigkeit der Themen und Zielkonflikte sind komplex, das Überforderungspotenzial ist enorm. Das darf uns nicht daran hindern, bewusste und konsequente Schritte in völlig neue Richtungen zu tun. An Orte, wo uns Erfahrungswerte fehlen. Teil der Lösung sein, bedeutet:

  • dass wir unsere Handlungsoptionen möglichst hochhalten;
  • dass Nachhaltigkeit nicht als etwas Zusätzliches, sondern Selbstverständliches verstanden wird;
  • und damit nachweisliche Entwicklungsschritte hin zum Besseren kommen.

 

Fazit und Ausblick

Wollen wir die Herausforderungen langfristig lösen, dann werden wir vieles «Reframen», das alternativlos erscheint. Der Pfad aus «wir verändern uns, um gleich zu bleiben», führt nicht zur klugen Lösung, auch wenn wir das weiterhin glauben.

 

Indem wir wichtige und grosse Gesellschaftsprojekte auf die Testreise schicken, bedienen wir einen wichtigen Beschleunigungshebel innerhalb von demokratischen Strukturen. Denn auf die Politik können wir nicht warten. Es geht um die Bündelung von (Stiftungs)-Kräften, damit grosse Ideen wie beispielsweise das bedingungslose Einkommen, ein zukunftsfähiges Ernährungssystem oder die Schule der Zukunft im grossen Rahmen getestet werden können. Wir benötigen übergeordnete gesellschaftliche Projekte, deren Geschichte und positive Wirkung eine grosse Öffentlichkeit erreichen. So können wir konkrete Utopien mit neuen Narrativen gesellschaftlich breit entwickeln und etablieren. Dabei können Stiftungen eine zentrale Rolle spielen und dazu müssen sie selbst einen Weg der Transformation beschreiten.

 

Die grosse gesellschaftliche Aufgabe dahinter hat einer der wichtigen Philosophen unserer Zeit, Michael Sandel, auf den Punkt gebracht. Er konstatierte, dass wir uns zumeist weniger als Bürger*in denn als Verbraucher*in verstehen. Der Shift, hin zu mehr Mut und Bürgerverantwortung, bildet die Grundlage, damit wir die grossen Bausteine für eine erfolgreiche Transformation vorantreiben. Das gelingt, wenn wir die Erfahrung der Alternative möglich machen. Wenn hierzu der Mut in der Politik fehlt, dann schaffen wir das «Möglichkeitsfenster» als Gesellschaft und auch mit der Kraft von Stiftungen, die ihrerseits die Chance der grossen «Experimente» verstehen und nutzen wollen.